Financial Times: Bits und Bytes
Friday, October 12th, 2007Quelle: FTD
Hier unten gibt es keine Fenster. Im Schummerlicht steht Tony Vijulie an Maschine vier, tief im Bauch der British Library. Der junge Mann tippt kurz auf den Rand des vergilbten Buches, spannt es richtig ein, damit der übermannshohe Scanroboter seine Arbeit erledigen kann. Gerade hat der Arm der Maschine Seite 21 von Anthony Hopes Werk “Die Abenteuer der Lady Ursula” angesaugt und umgeblättert. Nun spreizen Kunststoffleisten das Buch aus dem Jahr 1898 unter kaltem Kunstlicht. Kameras schießen Bilder. Klick, klick - Seite 22 und 23 sind im Kasten, alle Daten auf Festplatte.
Vollautomatisch blättert und knipst sich der Roboter durch das Buch mit dem lindgrünen Einband. “Bis zu 2000 Seiten schafft er pro Stunde”, sagt Vijulie. Er arbeitet für CCS, eine Hamburger Technologiefirma, die alle Bücher der British Library aus dem 19. Jahrhundert erfasst. Zwei volle Jahre wird das Projekt dauern. Die Rechnung übernimmt: Microsoft.
Bits und Bytes statt Leder, Tinte und Papier - ein Megaprojekt nimmt immer mehr Fahrt auf. Während in diesen Tagen auf der Frankfurter Buchmesse Tausende neuer Publikationen der Öffentlichkeit präsentiert werden, sind die besten Bibliotheken der Welt im Stillen dabei, ihre teils jahrhundertealten Bestände zu digitalisieren. Die British Library, die Bibliotheca de la Universidad Complutense de Madrid, die Washingtoner Library of Congress oder die Bayerische Staatsbibliothek - sie alle öffnen sich der neuen Welt. Seite an Seite mit bekannten und doch überraschenden Namen: Microsoft, Yahoo, Google. Die Internetriesen rangeln geradezu um die Ehre, den Schatzkammern des Kulturerbes die Reise ins digitale Zeitalter zu bezahlen. Auch wenn bisher ebenfalls im Dunkeln bleibt, was sie eigentlich wollen: Vermarktungsideen haben sie noch nicht vorgestellt. (more…)