«Gallica 2 hat ein großes Potenzial»

Bruno Racine, Präsident der BNF, erklärt die zukünftigen Herausforderungen der digitalen Bibliothek.
Aufgenommen von Frédérique Roussel
Ausgabe vom Samstag 2 Februar 2008 der Libération(Frankreich)

Übersetzung: Franz Kummer (Hier noch einmal ein Dankeschön) kom_ak
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Es ist ein deutliches Signal. Im März wird auf der Büchermesse in Paris Gallica 2 (1), eine digitale Bibliothek, die sowohl die digitalisierten Inhalte der Bibliothèque Nationale de France (BNF) als auch urheberrechstsgeschützte Bücher zum Verkauf anbietet, eröffnet. Drei Jahre nach Googles Ankündigung, Millionen von Werken zu digitalisieren, wird in Frankreich ein noch nicht dagewesenes Modell erprobt.

Gallica 2 wird allgemein zugängliche und urheberrechtsgeschützte Bücher bereitstellen. Ist das erst der Anfang?

Dieser landesweite Ansatz, an dem der Staat über das Centre National du Livre (CNL), das Syndicat national de l’édition (SNE) und die BNF beteiligt sind, ist recht einmalig. Ich glaube nicht an eine digitale Bibliothek, die ausschließlich aus altem Kulturgut besteht. Mir scheint es unabdingbar, dass sie auch moderne und zeitgenössische Produktionen beinhalten muss, um ihr Fortbestehen zu sichern. Erinnern Sie sich an die Auseinandersetzungen bei dem Umzug nach Tolbiac, als darüber diskutiert wurde, alle Kollektionen nach 1945 zurückzulassen. Die Forscher haben berechtigterweise protestiert: Wenn Sie Quellenverweise auf Balzac möchten, reicht Emile Faguet nicht aus. Es fehlen aktuellere Kritiken wie die von Gérard Genette.
So entstand im Verlagswesen ein kollektives Bewusstsein, welches es vor zwei Jahren noch nicht gegeben hatte. Aber die digitale Welt dreht sich immer schneller. Auch wenn eBooks heute noch teuer und noch nicht perfekt sind, werde sie in den nächsten fünf Jahren performanter sein. Für einen Vielleser, der 15 Titel mit auf eine Reise nehmen möchte, werden sie zu einer idealen Alternative zum Lesen. Das Verlagswesen muss für diese Entwicklung gerüstet sein.

Waren die Autorenrechte bislang nicht das größte Hindernis?

Für die BNF war es essentiell, das Problem mit den Rechten zu lösen, ohne selbige zu verletzen. Teil von Gallica 2 zu sein bedeutet für Verlage, die Inhalte kommerziell nutzen, ein weiterer Sichbarkkeitsfaktor und das Nutzen eines weiteren Verkaufskanals. Gallica 2 hat ein großes Potenzial. Die Images und die seit 1997 90.000 digitalisierten Titel werden fortwährend auf das Portal geladen. Für Titel und Werke der Verlage bietet sich vom Verkauf bis zur Ausleihe der digitalen Bücher jedes Modell an, ohne irgendein Buch davon auszuschließen. Der Verlag entscheidet dabei, welche Plattform er zur Distribution nutzt. An diesem Experiment beteiligen sich vier Plattformen: Numilog, Cyberlibris, Tite Live und die Documentation française. Verlage wie Editis und Gallimard haben angekündigt, im Frühjahr auch an Gallica 2 teilzunehmen. Der eigentliche Verkauf findet über die Buchhandlungen statt. Auf der Büchermesse werden 10.000 Bücher gezeigt, wovon 2000 urheberrechtsgeschützt sind.

Ist dies nicht mit 20jähriger Verspätung die Geburt der virtuellen Bibliothek von Jacques Attali?

Einer ausschließlich virtuellen Bibliothek fehlt eine wesentliche Dimension. Die Suchmaschinen sind nicht erfinderisch, sie finden nur das geschriebene Wort. Sie sind gegenwärtig noch nicht fähig, die Denkprozesse die beim Lesen eines Buches entstehen, nachzuahmen. Papier und Digitalisat ergänzen sich gegenseitig zumindest bei der Recherche. Für die große Öffentlichkeit und für die einfacheren Recherchen müssen sich die Bibliotheken Fragen stellen. Ich habe eine Diskussion über die Rolle des Haut-de-Jardin angeregt, in dem die Bücher nur selten genutzt werden. Es ist notwendig sich über die Zukunft dieser Teile von Bibliotheken Gedanken zu machen.

Welche Erkenntnis haben Ihnen Ihre Besuche an den amerikanischen Bibliotheken gebracht?

Die Analyse, wie zum Beispiel an der New York Public Library oder an der Stanford Universität hat sich als eine sehr pragmatische herausgestellt. Bücher, welche sich für einen Prozess der industriellen Massenverarbeitung eignen, werden privaten Partnerfirmen wie beispielsweise Google anvertraut, die diese Arbeiten auf eigene Kosten durchführen. Als Gegenleistung gewähren die Bibliotheken den Firmen Zugriff auf ihre Inhalte und zwar vorrangig auf wertvolle und einzigartige Dokumente und Werke, durch die sie sich von der Masse abheben können. Google wird bald über eine französischsprachige Bibliothek verfügen, die größer als die unsere sein wird. Googles Digitalisierungstempo wird den anzulegenden Maßstab verändern. Als ich im November in New York war, konnte man das Tempo noch mit dem vergleichen, das wir innerhalb von zwei Monaten erreichen wollten; das heißt zwischen 300 und 350 Büchern am Tag, um in drei Jahren 300.000 Bücher zu digitalisieren. In Stanford werden mittlerweile 100.000 Werke pro Monat digitalisiert. Ich bin davon überzeugt, dass diese Bewegung, die die Bibliothek erfasst und Abkommen mit Google oder Microsoft abschließen lässt, auch uns nach Europa folgen wird. In Frankreich erwarten wir gerade die Entscheidung von Lyon. Das wäre ein Novum.

Würde Sie das ärgern?

Überhaupt nicht. Wenn es nach mir geht, gibt es keinen Krieg der Religionen in diesem Gebiet. Die BNF hat die Möglichkeit, öffentliche Mittel in Höhe von 8 Millionen Euro für das erste Jahr zu erhalten. Was mich betrifft, habe ich nicht die Absicht, den Bibliotheken, die mit Google eine Partnerschaft eingehen die Leviten zu lesen. Die Stärke des amerikanischen Modells ist die Kunst, vorübergehend private und öffentliche Interessen in Einklang zu bringen. Es muss unser Ziel sein, diese unterschiedlichen Ideen zusammenzubringen. Die British Library hat ein Abkommen mit Microsoft, dessen Herangehensweise zielgerichteter ist als die von Google. Ich hatte mich kürzlich erst mit ihnen ausgetauscht. Die BNF hat mit France Télécom ein Abkommen über die Entwicklung von neuen Möglichkeiten der Datenverarbeitun

Wo in diesem Kontext befindet sich die Europäische digitale Bibliothek?

Auf europäischer Ebene startet die Stiftung EDL im November 2008 das Projekt Europeana mit dem Ziel von 2 Millionen digitalisierten Dokumenten. Der Prototyp der Europeana, den die BNF im Jahr 2007 auf der Büchermesse präsentierte, ist von nun an Geschichte. Europeana beinhaltet Druckerzeugnisse genauso wie Archive, Museumskollektionen audiovisuelle Inhalte. Gleichzeitig wird das Projekt Tel Plus entwickelt, welches sich insbesondere mit der Volltextsuche beschäftigt. Die steigenden Fähigkeiten der Datenverarbeitungswerkzeuge müssen mit der Bildung der digitalen Europäischen Bibliothek einhergehen.

Wie steht es um die Finanzierung der Digitalisierung?

Es gibt noch keine Entscheidung der Europäischen Kommission, die eigentliche Digitalisierung zu finanzieren. Aber man kann hoffen, dass sich auch diese Bremse bald lösen wird. Daher bleibt das Phänomen Google weiter attraktiv. Die Europäische Kommission stattet sich mit vielen Expertengruppen aus, von denen sich eine um Public-Privat-Partnerships kümmert und ihre Arbeit in zwei Monaten aufnehmen wird. Darauf warte ich mit großem Interesse. Letzten Juli haben wir vorgeschlagen, die Möglichkeiten zu untersuchen, die Erfahrungen und die Praxis von BNF-SNE auf europäisches Niveau auszudehnen. Und dieses Projekt mit dem Namen «Arrow» wird von der Europäischen Kommission untersucht. Es ist unabdingbar auf europäischer Ebene eine gültige Aussage über Public-Private-Partnerships zu treffen. Meiner Meinung nach gibt es keine andere Lösung.
(1) Gallica2.bnf.fr

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One Response to “«Gallica 2 hat ein großes Potenzial»”

  1. Gallica 2 sieht sich als Gegenmodell zu Googles Digitalisierungsprojekt « RomArtLog Says:

    [...] In der Libération vom 2. Februar hat Bruno Racine, der Leiter der BNF, das Projekt vorgestellt (hier findet sich eine Übesetzung des Interviews von Franz [...]

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