Die Datenflut gerät allmählich ausser Kontrolle
Monday, December 17th, 2007
Verlorene Daten kosten Millionen
5,3 Millionen Dollar kostet es das gleiche Unternehmen, dass manche Daten nicht (mehr) gefunden werden können. Zunehmend ins Geld geht der Aufwand für die gesetzlich vorgeschriebene Aufbewahrung bestimmter digitaler Archivdaten, wie zum Beispiel E-Mails oder Gesprächsmitschnitten der Internettelefonie.
Die Archivierung wird erschwert durch die Tatsache, dass 95 Prozent der Daten im digitalen Universum unstrukturiert sind. Es sind Dateien, denen brauchbare Metadaten fehlen, also digitale Etiketten mit Informationen zu Datenart, Inhalt, Hersteller, Rechteinhaber usw. Ohne Metadaten ist eine systematische Ablage und Recherche aber schwierig bis unmöglich.
Erst recht fehlt den meisten Daten ein Verfalldatum oder ein Prioritätskennzeichen. Das bedeutet, es ist unmöglich, wichtige von unwichtigen Informationen zu unterscheiden, oder Daten, die nicht mehr aufbewahrt werden sollen, automatisch zu löschen. Die Datenbestände werden somit immer umfangreicher, wenn nicht regelmässig manuell aufgeräumt wird. Die Experten fordern deshalb, dass der Aspekt der Archivierung bereits bei der Erstellung eines digitalen Dokuments berücksichtigt wird. Jede Datei müsse sofort mit Metadaten versehen werden, aus denen auch die Wichtigkeit und die Aufbewahrungsdauer ersichtlich sei.
Probleme bereitet aber auch die Hardware. Es ist einfach, tausendjährige Bücher zu lesen, Kinofilme aus dem Zweiten Weltkrieg lassen sich restaurieren und wieder vorführen - aber es ist schwierig, ein Videoband aus den 70er-Jahren zu benützen. Viele der modernen Datenträger und deren Abspielgeräte haben eine gefährlich kurze Lebenserwartung: Magnetband rund 10 Jahre, CD und DVD 20 Jahre. Altmodische Glasnegative, Dias, Vinylschallplatten oder Mikrofilme sind viel dauerhafter – aber als Analogmedien nicht so einfach am PC zu handhaben.
Archivbestände, die langfristig digital gesichert werden sollen, müssen alle paar Jahre auf den jeweils neuesten Datenträger umkopiert werden – eine personal- und zeitaufwändige Sisyphusarbeit vor allem für Bibliotheken und die Archive der Verwaltung oder der Wissenschaft.
Was nicht im Netz ist, existiert nicht
Fachleute aus Bibliotheken, Archiven und Museen haben sich kürzlich an einer Tagung der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften mit den Problemen der Digitalisierung ihrer Bestände beschäftigt. Sie stecken in einem Dilemma: Die Digitalisierung macht Informationen leicht nutzbar, andrerseits ist nicht daran zu denken, alle Bestände zu digitalisieren. Wichtige Informationen würden bereits jetzt von der Forschung oft ausser Acht gelassen, bloss weil sie nicht bequem digital recherchierbar seien, beklagte der ehemalige Basler Staatsarchivar Josef Zwicker. Eine Auswahl zu treffen, sei heikel, denn auch in der Wissenschaft gebe es so etwas wie Modeströmungen, plötzlich seien Dokumente gefragt, nach denen heute gar niemand suche.
Wer hat die Datenhoheit?
Jetzt fallen für die Archive aber zunehmend Informationen an, die es nur in digitaler Form gibt. Das stelle Archivarinnen und Archivare vor neue Fragen, sagt Mirta Olgiati, die an der Verwaltungshochschule IDHEAP die so genannte Memopolitik der Schweiz untersucht. Die heutige Arbeitstechnik in der Industrieforschung bringt es mit sich, dass Daten ständig weiterbearbeitet, von Computer zu Computer, von Land zu Land verschoben und von mehreren Teammitgliedern verändert werden. Von vielen Unterlagen gibt es kein Original mehr. Und der Archivar fragt sich: Welcher Stand muss archiviert werden? Wer hat was an den Daten verändert? Wer hat die Datenherrschaft, darf also über Änderungen und Löschung entscheiden?
Die Datenmengen wachsen ungebremst weiter. Noch nie gab es so viel Wissen auf der Welt. Doch den Umgang damit müssen die Menschen erst noch lernen.
Quelle:Tagesanzeiger